Zwischen Studium, Hypnosystemik und Jung: Warum ich innere Bilder nicht gegen Wissenschaft ausspiele

Coaching 14. Januar 2026
Innere Bilder Hypnosystemik Studium Jung Wissenschaft verbinden

Innere Bilder und wissenschaftliche Modelle werden oft gegeneinander ausgespielt – als müsste man sich für eine Seite entscheiden. Für mich gehört beides zusammen: die Klarheit akademischer Theorien und die lebendige Erfahrung innerer Bilder, wie sie in der Hypnosystemik und bei Jung eine Rolle spielen. Diese Verbindung prägt meine Arbeit und mein Verständnis von wirksamer Supervision und Coaching.

Ausgangspunkt: M.A.-Studium und hypnosystemische Praxis

In meinem M.A.-Studium im Bereich Coaching und Beratung habe ich einen integrativen Ansatz kennengelernt, der systemische, tiefenpsychologische und humanistische Perspektiven verbindet. Dieser Rahmen hat mir geholfen, komplexe Veränderungsprozesse nicht nur individuell, sondern immer auch im organisationalen und gesellschaftlichen Kontext zu betrachten. Gleichzeitig war meine hypnosystemische Ausbildung der Raum, in dem innere Bilder, Tranceprozesse und imaginative Zugänge ganz selbstverständlich Teil professioneller Praxis waren.

In der hypnosystemischen Arbeit verstehe ich Symptome, Muster und Konflikte nicht als „Fehler“, sondern als oft sehr kreative Lösungsversuche eines inneren Systems. Innere Bilder sind dabei kein „Beiwerk“, sondern eine Art Kurzformel für biografische Erfahrungen, Beziehungsmuster und unbewusste Bewertungen. Wo das Studium mir Sprache, Theorien und Begriffe gegeben hat, hat die Hypnosystemik mir gezeigt, wie diese Konzepte im Erleben eines Menschen tatsächlich wirksam werden.

Warum innere Bilder für mich kein Gegensatz zur Wissenschaft sind

Wenn von Wissenschaft die Rede ist, entsteht schnell das Bild nüchterner, distanzierter Objektivität – und innere Bilder wirken daneben leicht „irrational“ oder „esoterisch“. Für mich ist das ein Missverständnis. Wissenschaftliche Modelle sind Landkarten: hilfreich, präzise, aber nie die Landschaft selbst. Innere Bilder sind Ausdruck der gelebten Landschaft – dessen, was Menschen tatsächlich fühlen, hoffen, fürchten und erwarten.

Anstatt beides gegeneinander auszuspielen, lasse ich sie miteinander sprechen. Theorien helfen mir, innere Bilder besser einzuordnen: Welche Funktion könnten sie im System haben? Welche Beziehungserfahrungen spiegeln sie? Gleichzeitig korrigieren innere Bilder theoretische Schnellschüsse: Wenn das Modell sagt „so müsste es sein“, das innere Bild aber etwas ganz anderes zeigt, nehme ich das Bild ernst – und überprüfe mein theoretisches Raster. So entsteht ein zweiseitiger Dialog statt dogmatischer Einseitigkeit.

Wie Jung in meine hypnosystemische Haltung hineinpasst

C. G. Jung hat innere Bilder – Träume, Symbole, Fantasien – nie als bloßes „Material“ verstanden, das man wegdeutet, um zur Wahrheit dahinter zu kommen. Vielmehr haben Symbole bei ihm eine eigenständige Qualität: Sie sind nicht nur Ausdruck von Vergangenem, sondern auch eine Art Vorschlag der Psyche für Zukünftiges. Diese Idee ist für mich in der hypnosystemischen Arbeit sehr anschlussfähig.

Wenn in der Supervision oder im Coaching ein starkes inneres Bild auftaucht – ein Raum, eine Landschaft, eine Figur – interessiert mich: Welche Möglichkeiten deutet dieses Bild an, die im Alltagsbewusstsein noch nicht verfügbar sind? In jungianischer Sprache könnte man von einem „kompensatorischen“ oder „zukunftsweisenden“ Moment sprechen, hypnosystemisch würde man von Ressourcen, alternativen Bedeutungsrahmen und neuen Wirklichkeitskonstruktionen sprechen. Beide Sprachen zeigen auf dasselbe Feld: Innere Bilder sind kreative Angebote für Entwicklung.

Zwischen Reflexion und Imagination: Wie das konkret in meiner Arbeit aussieht

In der Praxis sieht das so aus, dass ich mit Menschen sowohl kognitiv-reflexiv als auch imaginativ arbeite. Auf der einen Seite klären wir Rahmenbedingungen, organisationalen Kontext, Rollenerwartungen und systemische Dynamiken – das ist der Teil, der sich gut an wissenschaftliche Modelle anschließt. Auf der anderen Seite lade ich dazu ein, innere Bilder ernst zu nehmen: Wie sieht zum Beispiel das „innere Bild“ des eigenen Teams aus? Welche Atmosphäre entsteht, wenn jemand an eine bestimmte Sitzung, ein Gespräch, eine Konfliktsituation denkt?

Statt diese Bilder zu analysieren, als gäbe es eine fertige Deutung, nutze ich sie dialogisch: Wir bleiben neugierig, erkunden Details, Variationen, Veränderungen. So können innere Bilder sich weiterentwickeln und eröffnen neue Handlungsmöglichkeiten – zum Beispiel, wenn aus einem engen, dunklen Gang Schritt für Schritt ein Raum mit mehreren Türen wird. Für mich ist das kein Gegensatz zur wissenschaftlichen Reflexion, sondern deren Ergänzung um eine Dimension, die man mit reiner Begrifflichkeit nicht erreicht.

Warum ich die Spannung zwischen Jung, Hypnosystemik und Studium bewusst halte

Future Skills in der Praxis: Verknüpfung von technologischen Kompetenzen und emotionaler Intelligenz

Die Spannung zwischen akademischer Welt, hypnosystemischer Praxis und jungianischer Symbolarbeit ist für mich kein Problem, das gelöst werden muss, sondern eine produktive Reibungsfläche. Wissenschaftliche Konzepte sorgen dafür, dass ich nicht in beliebiger Deutung oder romantisierender Symbolik lande. Die hypnosystemische Haltung erinnert mich daran, dass Menschen wirksame innere Selbstorganisationsprozesse haben, die Respekt verdienen. Und Jung erinnert mich daran, dass Entwicklung nicht nur planbar, sondern auch emergent ist – und dass das Unbewusste eigene Vorschläge macht, die gehört werden wollen.

Statt zu behaupten, alles sei lückenlos vereinbar, erlaube ich mir, Unterschiede und Unschärfen stehen zu lassen.

Diese Ehrlichkeit ist mir wichtiger, als ein künstlich glattes theoretisches System. Im Kontakt mit Klient:innen und Organisationen erlebe ich, dass genau diese Haltung – nicht alles vorschnell zu glätten, weder inhaltlich noch methodisch – Vertrauen schafft. Innere Bilder dürfen da sein, wissenschaftliche Modelle dürfen da sein, und beide müssen nicht gegeneinander antreten, um „zu gewinnen“.