Aktive Imagination im Coaching: Vom Selbstversuch zur Begleitung
Wie alles begann: Innere Bilder als persönliches Experiment
In meinem ersten Artikel habe ich beschrieben, wie mich ein inneres Bild – ein kleines goldenes Fachwerkhaus hinter einer Mauer – vor vielen Jahren überrascht hat. Damals wusste ich nicht, dass C.G. Jung dafür den Begriff Aktive Imagination geprägt hatte. Für mich war es zunächst ein Selbstversuch: ein neugieriges, manchmal auch irritierendes Beobachten dessen, was aus meinem Inneren auftauchte, wenn ich dem Bilderfluss Raum gab.
Lange Zeit war diese Arbeit mit inneren Bildern etwas sehr Privates. Ich habe gezeichnet, notiert, nachgespürt. Mal waren die Bilder tröstlich, mal unbequem, manchmal schlicht rätselhaft. Sie kamen nicht auf Knopfdruck, sondern dann, wenn ich bereit war, das rationale Denken für einen Moment in den Hintergrund treten zu lassen. Rückblickend kann ich sagen: Bevor ich Aktive Imagination im Coaching einsetzen konnte, musste ich sie erst an mir selbst aushalten lernen.

Was die Aktive Imagination mit mir gemacht hat
Mit der Zeit merkte ich, dass sich in mir etwas verschiebt. Themen, die ich zuvor nur „verstanden“ hatte, bekamen eine andere Tiefe. Anstatt über eine Fragestellung nachzudenken, begann ich, ihr zu begegnen – in Form eines Symbols, einer Figur oder einer Szene.
Wichtig war dabei ein langsames Lernen:
- Nicht jedes innere Bild ist „wahr“, manches ist konstruiert, gewünscht, geplant.
- Manche Bilder jedoch haben eine gewisse Eigenmacht: Sie überraschen, sie bleiben, sie berühren den Körper, auch wenn der Kopf noch zweifelt.
Diese Erfahrung hat meine Haltung verändert. Lebensthemen wurden nicht nur analysiert, sondern erlebt. Ich begann, mich weniger von äußeren Erwartungen leiten zu lassen und mehr von dem, was innerlich in Resonanz ging. Dieser Prozess war kein einmaliges Ereignis, sondern eine langsame, aber deutliche Verlagerung des inneren Schwerpunktes.
Der Moment, an dem klar wurde: Das ist mehr als ein persönliches Werkzeug
Der Übergang von der reinen Selbsterfahrung hin zur professionellen Nutzung von Aktiver Imagination im Coaching kam nicht durch ein Konzept, sondern durch Begegnungen. In Lehrveranstaltungen und Gesprächen erzählte ich gelegentlich von meiner eigenen Arbeit mit inneren Bildern. Ohne große Theorie, eher in der Form: „Ich habe dieses Bild in mir, ich habe angefangen, mit ihm zu arbeiten, und es hat meinen Blick auf mich selbst verändert.“
Was dann geschah, war für mich ein wichtiger Hinweis: Menschen reagierten nicht mit Skepsis, sondern mit Neugier. In einer Unterrichtssituation meldeten sich spontan mehrere Studierende und sagten: „Das möchte ich auch ausprobieren.“ Sie wollten nicht zuerst die Theorie kennen, sondern die Erfahrung machen, wie es ist, mit dem eigenen Unbewussten in einen strukturierten Dialog zu treten.
Das war der Moment, in dem mir klar wurde:
Meine Aufgabe ist nicht, Aktive Imagination als „besondere Technik“ zu präsentieren, sondern als Möglichkeit – eine Möglichkeit, die ich selbst intensiv erprobt habe und die ich nun verantwortungsvoll begleiten kann.
Wie ich Aktive Imagination im Coaching einbinde
Wenn Menschen zu mir kommen, fragen sie selten direkt nach Aktiver Imagination. Sie kommen mit anderen Worten:
- „Ich weiß nicht, wo es hingehen soll.“
- „Ich funktioniere, aber innerlich bin ich leer.“
- „Ich spüre, da ist mehr in mir, aber ich komme nicht dran.“
- „Meine Träume lassen mich nicht los.“
An diesem Punkt setze ich an. Ich arbeite nicht mit Aktiver Imagination im Coaching, um „etwas Besonderes“ zu tun, sondern weil sie:
- den Zugang zu inneren Bildern und Symbolen öffnet,
- das Unbewusste mitsprechen lässt,
- und damit Erfahrungsräume zugänglich macht, die im Gespräch allein oft nicht erreicht werden.
Konkret heißt das:
- Wir beginnen im Gespräch – mit der aktuellen Frage, dem Lebenskontext, der Symptomatik.
- Wenn ein inneres Bild oder ein Traum auftaucht, lade ich ein, diesem Bild mehr Raum zu geben.
- Ich leite in eine Form der Aktiven Imagination, die zur Person passt:
- mal mit geschlossenen Augen,
- mal schreibend,
- mal zeichnend.
Wir führen einen Dialog mit dem Bild:
- Was zeigt sich?
- Was sagt diese Figur, dieses Tier, dieses Haus, wenn man es anspricht?
- Was will es von dir – und was will es dir geben?
Das Entscheidende dabei ist: Die Antworten kommen nicht von mir, sondern aus dem inneren Erleben der Person. Meine Rolle ist es, den Rahmen zu halten, zu strukturieren, vorsichtig zu spiegeln und dafür zu sorgen, dass der Prozess handhabbar bleibt.
Grenzen und Verantwortung
Gerade, weil ich Aktive Imagination im Coaching regelmäßig einsetze, sehe ich auch die Grenzen:
- Sie ist kein Ersatz für eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie, wenn schwere Traumatisierungen oder akute Krisen vorliegen.
- Sie kann Überforderung auslösen, wenn sie ohne Halt oder Einbettung verwendet wird.
- Sie braucht eine gewisse Stabilität und Bereitschaft, nach innen zu schauen.
Deshalb ist mir wichtig, immer wieder gemeinsam zu prüfen:
- Ist das Tempo stimmig?
- Was braucht es, damit sich der Prozess sicher anfühlt?
- Wo ist vielleicht eine parallele oder vorgelagerte therapeutische Arbeit sinnvoll?
- und natürlich eine fundierte Ausbildung
Vom inneren Bild zur gelebten Veränderung
Was mich an dieser Arbeit nach wie vor am meisten berührt, ist der Moment, wenn sich etwas im Außen leise verändert, weil sich innen etwas verschoben hat:
- Jemand sagt: „Ich kann zum ersten Mal klar sagen, was ich brauche.“
- Eine andere Person spürt: „Ich muss mich nicht mehr über Leistung definieren.“
- Jemand erkennt im Traum ein Haus wieder, das früher bedrohlich war – und erlebt es nun als bewohnbar.
Diese Veränderungen sind oft unspektakulär im klassischen Sinn, aber sie sind tiefgreifend. Sie wachsen aus einem Dialog, der nicht mit dem Coach, sondern mit dem eigenen Unbewussten geführt wurde.
Für mich ist das der Kern meiner Arbeit:
Menschen zu begleiten, ihren eigenen Dialog mit der Innenwelt zu finden – und aus diesem inneren Kontakt heraus stimmigere Entscheidungen im Außen zu treffen.